Tschechisches Bier – Nationalgetränk und Kulturgut

Tschechisches Bier (pivo) gehört traditionell zu den besten der Welt, da sind sich Fachleute einig. Aber auch der Bierkonsum der Tschechen ist unangefochten Weltspitze: Statistisch trinkt jeder Einwohner Tschechiens jährlich um die 160 Liter des Nationalgetränks, in Jahren mit einem heißen Sommer auch durchaus noch etwas mehr. Doch welches Bier ist das beste?
Prag – “Das Bier wird in der Brauerei gebraut, aber hingestellt bekommt man es vom Wirt”. So lautet, sinngemäß übersetzt, eines der bekanntesten Sprichwörter über das tschechische Nationalgetränk. Was sich zunächst ziemlich trivial anhört, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein perfekter Leitsatz für die Suche nach der perfekten Halben.
Diese bekommt man, erstens, nicht aus der Flasche oder Dose, sondern nur vom Fass und, zweitens, nur dort, wo gutes Bier auch ordentlich eingeschenkt wird. Eine ungepflegte Zapfanlage, falsche Kühlung und unpassende Trinkgefäße, schon wird sogar ein Pilsner Urquell ungenießbar.
Sind umgekehrt aber alle Bedingungen erfüllt, kommt der Bierkenner ins Schwärmen: To je pivo jako křen – Das ist ein Bier wie Meerrettich! Warum ausgerechnet die scharfe Wurzelpaste zum höchsten Lob herangezogen wird, darüber gibt es alle erdenklichen Spekulationen. Liegt es womöglich daran, dass der Genuss von beidem einem den Atem verschlagen kann? Meerrettich vor Schärfe und Bier vor Gier?
Welches die beste Biermarke ist und wo sie am besten gezapft wird, darüber gehen die Meinungen oft auseinader. Trotzdem gibt es, vor allem unter den traditionellen Bierstuben (pivnice), eine Reihe von Lokalen, die über alle Zweifel erhaben sind und die jeder echte Bierfreund im Lande kennt. In Prag sind das, was Pilsner Urquell betrifft, unter anderem U Jelínků, U zlatého tygra und U Hrocha. Hervorragendes Budweiser Lager bekommt man U Medvídků oder Pod Slavínem. Für seín kräftiges Velkopopovický kozel berühmt ist die Kneipe U černého vola (Zum schwarzen Ochsen). Das im Prager Stadtteil Smíchov gebraute Staropramen schmeckt am besten im Brauereilokal direkt am Produktionsort oder in der urigen Kleinseitner Bierschwemme Pod Petřínem, die auch ein sehr passables Pilsner Urquell zapft.
Aber es sind nicht allein die Weltmarken, die das Herz des Bierfreundes höher schlagen lassen. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen die so genannten Kleinbrauereien (minipivovary, mikropivovary), die viel für die Erhaltung der Sortenvielfalt tun und die ihre Biere teilweise gar nicht in Flaschen abfüllen. Das berühmteste und älteste Beispiel einer solchen Kleinbrauerei ist das Neudstädter U Fleků aus dem 14. Jahrhundert, das aber leider immer mehr zu einer Touristenfalle verkommt. Anders die in der Zeit seit 1990 gegründeten Kleinbrauereien, etwa die Neustädter Brauerei (Novoměstský pivovar), Richters Beer Pub oder die Klosterbrauerei Strahov, wo die Tradition der böhmischen Weizenbiere noch gepflegt wird.
Ein Besuch so eines Brauereilokals, verbunden mit einer Besichtigung, dürfte mit zum Interessantesten gehören, was man als Prag-Besucher in Sachen Bier erleben kann – nicht zuletzt auch darum, weil diese Lokale in der Regel auch eine hervorragende Küche haben. Dagegen bekomt man in den typischen Bierstuben selten mehr als “Kleinigkeiten zum Bier”, etwa Bierkäse (pivní sýr), Sülze (tlačenka), die mit frischem Brot, etwas Zwiebel und Essig serviert wird, Rollmops (zavináč) oder in Essig- und Zwiebelsud eingelegte Speckwurst (utopenec). Auch Matjesheringe (matesy) und die tschechische Spielart des Leberkäses (sekana) fehlen selten.
Dabei gibt es durchaus auch Lokale, wo der Gast zu einem ordentlichen Bier auch wirklich gute traditionelle Küche bekommt, mit luftigen böhmischen Knödeln, saftigem Rinderbraten und deftigen Saucen. Stellvertretend seien hier die Neustädter Brauerei, das Restaurant Olympia aus der Kolkovna-Gruppe und das U Švejka am Újezd genannt. Für Vegetarier sind Lokale wie diese nicht unbedingt empfehlenswert; wer zum Bier aber gern fleischiges isst, wird einen Besuch hier bestimmt in bleibender Erinnerung behalten.
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