Prager Cafés und Kaffeehauskultur

In Wien gibt es rund 200 Kaffeehäuser der alten Schule. Dagegen hat Prag in der Grand-Café-Klasse heute gerade einmal 14 Lokale vorzuweisen, die die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts überlebten. Dennoch erfährt die Kaffeekultur im Bierparadies eine Renaissance.
Prag - Die tschechische Hauptstadt verdankt ihren festen Platz auf der Kaffeehaus-Karte Europas der Zeit zwischen Belle Époque und dem Zweiten Weltkrieg.
Auch wenn erste große Kaffeehäuser bereits am Ende des 19. Jahrhunderts ihren Betrieb aufnahmen, wie etwa das Café Savoy (Foto oben), so entwickelte sich das Kaffeehausleben erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie in Wien wurden die Kaffeehäuser auch hier allmählich zu gesellschaftlichen und kulturellen Zentren und inspirierenden Treffpunkten für Künstler und kreative Menschen.
Damals gab es Dutzende von so genannten Lesecafés, in denen in- und ausländische Tageszeitungen, Zeitschriften und Journaillen auslagen. Damit stand Prag zwar auf einer Stufe mit den Metropolen der Donaumonarchie, mit Wien und Budapest, doch der Blick richtete sich in jener Zeit in Richtung des Kaffeehaus- und Künstler-Mekkas Paris.
Die verbreitete melancholische Sehnsucht der jungen Prager Avantgarde nach Paris als dem vermeintlichen Dreh- und Angelpunkt der Welt bringt der spätere Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert (1901 - 1986) in seinem aus dem Jahr 1967 stammenden Gedicht “Café Slavia” rückblickend zum Ausdruck. Die Verehrung des Lyrikers Guillaume Apollinaire in Verbindung mit hochprozentigem Alkohol verfehlten nicht ihre wundersame Wirkung:
Dem Dichter zu Ehren wurde Absinth getrunken,
der grüner als alles Grüne ist,
und wenn wir von unserem Tisch aus dem Fenster blickten,
floss die Seine unter dem Kai.
Ach ja, die Seine!
Kde domov můj?
Wer damals als Künstler und Bohemien etwas auf sich hielt, besuchte mindestens zwei, drei Cafés am Tag - zum Lesen, Schach- und Billardspielen (Foto rechts: Café Louvre), zum Diskutieren und Politisieren und zum Schreiben. Welche wichtige Rolle die Rezeption internationaler Zeitschriften in dieser Zeit für das kreative Schaffen spielte, illustrieren folgende Sätze von Jaroslav Seifert: „Hier im Kaffeehaus wurde diskutiert, geplant, leidenschaftlich debattiert, und die erotische Zeitschrift La vie parisienne ging von Hand zu Hand und war nach ein paar Tagen zerschlissen wie eine Regimentsfahne nach der Bataille”.
Das Café wurde so die zweite Heimat für die Prager Künstlerelite, Journalisten und Schriftsteller. Nicht weniger eindrucksvoll, wenn auch aus anderer - eben weiblicher - Perspektive, beschreibt die Prager Kaffeehausatmosphäre vor einem Dreivierteljahrhundert die Kafka-Gefährtin und Publizistin Milena Jesenská (1896 - 1944): „Im Kaffeehaus wird geschrieben, korrigiert, geredet. Im Kaffeehaus spielen sich Familienszenen ab, im Kaffeehaus wird geweint und über das Leben und auf das Leben geschimpft. Im Kaffeehaus isst man auf Pump, im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen.“
Das Goldene Zeitalter von Muße und Intellekt verewigten in ihren Werken folgerichtig Schriftsteller wie Friedrich Torberg, der “Rasende Reporter” Egon Erwin Kisch (Foto rechts) und, in jüngerer Zeit, die als letzte noch lebende Vertreterin der deutschsprachigen Literatur in Prag geehrte, 1916 geborene Prager Autorin Lenka Reinerová (”Das Traumcafé einer Pragerin”).
In den Werken der literarischen Größen der Vorkriegszeit, vor allem aber in ihren Memoiren und denen ihrer Zeitgenossen, erscheint Prag als Sonnensystem der Kaffeehauskultur - das Arco, Metro, Central, Continental, Imperial, Union (Foto oben rechts), Deutsche Haus, Slavia, Louvre und Savoy als seine Planeten, bewohnt von hellen Denkern und dunklen Dichtern.

















Seit ich auf dem Land lebe, habe ich eigentlich kaum noch Gelegenheit, ins Café zu gehen. Früher war mein Lieblingscafé das Dolce Vita in der Altstadt - klein, gemütlich und hell. Ich weiß gar nicht, ob es das noch gibt. Ganz gerne mochte ich auch das Slavia, vor allem wegen der herrlichen Aussicht.
Früher war mein absolutes Lieblingscafé das Louvre in der Národní. Ich war fast jeden Tag da, privat, wegen Arbeitsreffen oder einfach so zum Entspannen und Lesen. Seit ich meinen kleinen Sohn habe und oft mit dem Kinderwagen unterwegs bin, gehe ich meistens ins Savoy. Es liegt im Erdgeschoss und ist insofern bequemer. Abgesehen davon ist es ein tolles Café, und die Leute im Service sind wirklich unglaublich entgegenkommend. Aber das Louvre hat trotzdem einen festen Platz in meinem Herzen und wird den auch behalten.
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